Das Innenleben der Warmbächlibrache

Aktualisiert: 13. Nov 2019


Die Zukunft der Warmbächlibrache ist seit wenigen Wochen klar: Das Areal darf noch ein weiteres Jahr zwischengenutzt werden. Kein Zufall: Die Zwischennutzung ist in den letzten Jahren zu einem wichtigen Treffpunkt über das Quartier hinaus geworden. Ausserdem ist es nicht einfach, als Zwischennutzung, trotz zum Teil lauten und grossen Veranstaltungen, in so guter Harmonie mit den Quartierbewohnern zu bestehen, wie es bei der Warmbächlibrache der Fall ist.


Um in das Innenleben der Brache blicken zu können, haben wir Mario vom Verein Warmbächlibrache getroffen. Zuerst aber etwas Geschichte zur Brache.


Wenig Freiraum im Westen

Das Areal, das wir heute als Brache kennen, diente bis 2013 noch als Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) der Stadt Bern. Dann wurde die Energiezentrale Forsthaus in Betrieb genommen und die KVA wurde abgebrochen. Die Arbeiten endeten 2015 und plötzlich stand ein riesiges Areal leer. Dass dort Wohnungen entstehen sollten, war zwar schon klar, aber aufgrund des Planungsbedarfs wurde der Baubeginn hinausgezögert. Für die Zwischenzeit fragten Anwohner aus dem Quartier an, um das Areal beleben zu können.


Tatsächlich fehlte es im Westen des Zentrums an Freiräumen und die neue Brache unweit des Loryplatzes bot sich definitiv an. Um die Zwischennutzung zu koordinieren, wurde der Verein Warmbächlibrache ins Leben gerufen. Mit wenig Ausnahmen, wie etwa einer unbewilligten Veranstaltung (Sauvage) zu Beginn der Zwischennutzung, konnte die Brache so in Harmonie mit dem Quartier betrieben werden. Seither wurden unzählige Projekte umgesetzt, wie der Barbetrieb um den Busstop Warmbächli, eine riesige Hall of Fame für Sprayer, ein Spielplatz, eine Biotoplandschaft und zahlreiche Anlässe aller Art.


Vandals with Headphones: Wer hatte die Idee zur Zwischennutzung?

Mario: Am Anfang war es die Idee des Quartierbüros, die Brache zu beleben. Ihm war das Bedürfnis aus der Quartierbevölkerung bekannt. In Holligen gab es nichts Vergleichbares: Zwischen Lory- und Europaplatz gab es praktisch keinen Freiraum. Als dieser grosse, unbenutzte Raum entstand, ging das Quartierbüro auf die Quartierbewohner zu, mit der Idee, hier einen entsprechenden Raum zu gestalten. Damit haben sie eine offene Türe eingetreten: Die Quartierbewohner bildeten den Verein Warmbächlibrache. So hat alles begonnen.


Ich selbst stiess kurz später dazu: An der Eröffnungsveranstaltung ging ich mit einem Projekt auf die Vereinsmitglieder zu und wurde so Teil des Ganzen.


VWH: War denn von Anfang an klar, welche Projekte umgesetzt werden würden?

M: Nein, gar nicht! Zu Beginn war es mehr eine Art «Strauss» an Ideen, von denen dann einige umgesetzt wurden. Man muss sich vorstellen: Das ganze Areal war in der Anfangszeit etwa vier oder fünf Fussballfelder gross. Ein solch grosser freier Raum bietet Platz für unzählige Ideen und Projekte. Von fixen Kleinkunstbühnen bis zu Badminton-Feldern wäre alles möglich gewesen. Nach dieser anfänglichen Euphorie merkten wir dann was tatsächlich umsetzbar sein würde und was eher nicht.


VWH: Platz hätte es ja tatsächlich genug gehabt. Woran fehlte es denn?

M: Hauptsächlich an personellen Ressourcen. Eine Idee zu haben und diese umzusetzen sind zwei verschiedene Dinge. Als Beispiel: Derjenige, der den Spielplatz gebaut hat, brauchte dafür etwa ein Jahr, indem er praktisch nichts anderes getan hat. Oder auch hinter dem Gastrobetrieb steckt sehr viel Arbeit. Dass nicht jede Idee umgesetzt wurde, hat natürlich auch Vorteile: Es hat immer noch viel Land, das brach liegt und spontan genutzt werden kann. So bleibt die Brache wandelbar. Dies auch noch jetzt, obwohl mittlerweile das Ganze bereits etwas kleiner geworden ist, da die Baustelle bereits viel Raum eingenommen hat.


VWH: Es ist wahrscheinlich nicht ganz einfach, die Übersicht über diesen riesigen Raum zu behalten…

M: Genau. Es kommt uns ehrlich gesagt zum Teil auch etwas entgegen, dass die Baustelle den Perimeter eingegrenzt hat. Als Verein sind wir nämlich auch für das Abfallkonzept vor Ort verantwortlich.


VWH: Und wie funktioniert es mit den Bewilligungen?

M: Diesbezüglich funktioniert die Brache wie jeder andere öffentliche Ort. Das heisst, wir brauchen städtische Veranstaltungsbewilligungen, Baubewilligungen, ein Sicherheitskonzept und so weiter. Hier spielt die Zusammensetzung unseres Vereins eine wichtige Rolle: Es sind hauptsächlich Leute aus dem Quartier im Gremium, die dann die Perspektive der Quartierbewohner vertreten. Wir bestimmen damit, wenn eine bestimmte Idee oder ein bestimmter Anlass nicht durchführbar ist, wie etwa Festivals, die bis mitten in der Nacht dauern würden. Das ist zentral, da um die Brache herum sehr viele Menschen leben. Dieser Vorgang dient als eine Art Vorinstanz zum städtischen Bewilligungsprozedere. So gelingt auch die Zusammenarbeit mit den Behörden einfacher.


VWH: Ist der Verein also auch der Organisator der Veranstaltungen?

M: Nein. Der Verein Warmbächlibrache organisiert selber kaum Veranstaltungen. Es gibt aber daneben noch einen anderen Verein, der das ganze Jahr über auf der Brache wirkt: Der Verein Busstop Warmbächli, der auch die Bar auf der Brache betreibt. Dieser organisiert regelmässig Veranstaltungen.


Ausserdem ist es für externe Veranstalter auch möglich, ihre Anlässe auf der Brache durchzuführen. Als Beispiel die Leute von der «Heitere Fahne» oder das «ZAPF!».


VWH: Was geht, neben zu lauten Events, nicht auf der Brache?

M: Grundsätzlich geht Vieles auf der Brache. Dennoch haben wir einige Kriterien, die uns wichtig für den Ort sind: Neben der Quartierverträglichkeit ist in unseren Augen die Brache als öffentlicher Raum nicht für kommerzialisierte Events geeignet. Und die Brache soll nicht exklusiv werden. Das bedeutet, dass es nicht sein kann, dass man nur auf das Gelände kommt, wenn man dafür Eintritt bezahlt. Deshalb ist ein Kriterium für Veranstaltungen, dass es keine Einlasskontrolle gibt. So soll die inklusive Funktion des öffentlichen Raumes gewahrt werden.


Ausserdem wird von Veranstaltern eine höhere Miete verlangt, wenn entsprechender Umsatz generiert wird. Je mehr Geld eingenommen wurde, desto mehr Geld geht auch an den Verein zum Erhalt und Unterhalt der Zwischennutzung. Wird hingegen kein Geld umgesetzt, braucht es fast keine finanziellen Ressourcen, um hier einen Anlass veranstalten zu können.


So haben auch schon Jugendliche ein Fest hier organisiert, wo es darum ging, dass mehrere Sprayer und Künstler zusammengekommen sind, um gemeinsam zu malen. Das hat mit sehr wenig Geld funktioniert.


VWH: Das Konzept scheint gut aufzugehen. Besonders in diesem Sommer war viel los auf der Brache…

M: Ja, in den letzten zwei Jahren hatten wir zahlreiche Veranstaltungen. Dies hat sicher damit zu tun, dass mehr Leute auf den Ort aufmerksam geworden sind. Jeder Veranstalter bringt auch andere auf den Plan. Zum Beispiel das «Säbeli Bum», das seit einigen Jahren hier stattfindet: Es handelt sich um einen grösseren Anlass mit einer gewissen Reichweite. So sehen beim Besuch auch andere Veranstalter, dass so etwas hier möglich ist. Dieses Jahr mussten wir sogar zum ersten Mal einigen Veranstaltern mitteilen, dass ihr Event leider nicht drin liegt. Wir sind aber immer eher durch Mund-zu-Mund-Propaganda gewachsen, selber viel Werbung zu machen wollten wir von Anfang an nicht.


VWH: Ihr seid ja auch nicht oft in den Medien präsent…

M: Richtig. Und nicht ganz unbewusst. Natürlich könnte man alles noch grösser machen und noch mehr Besucher anlocken, aber das ist nicht unser Ziel. Ich finde, wir haben einen guten Mittelweg gefunden, der für alle Beteiligten, der Verein, das Quartier und die Stadt, passt. Der Goodwill uns gegenüber ist gross. So erfahren wir kaum Widerstand aus dem Quartier. Am Anfang gab es zwar einzelne Male Lärmklagen, aber zuletzt hatten wir auch diesbezüglich nie Probleme.


VWH: Eine positive Bilanz durch und durch. Die Zwischennutzung wird zwar noch ein Jahr bleiben dürfen, trotzdem wird irgendeinmal Schluss sein. Wie sieht die Zukunft des Vereins aus?

M: Das ist noch unklar. Bis vor Kurzem dachten wir, dies sei das letzte Jahr auf der Warmbächlibrache, deshalb haben wir uns natürlich schon Gedanken gemacht. Sicher ist bis jetzt nur, dass wir die Internet-Domain «brache.ch» behalten wollen (schmunzelt). Eine Idee ist, etwas in einem anderen leeren Raum zu schaffen, oder vielleicht auch einfach als Wissensressource weiterbestehen für Leute, die ähnliche Projekte initiieren wollen. Das Brache-Buch mit Inspirationen aus den vier vergangenen Jahren Zwischennutzung möchte auch dazu beitragen (www.brache.ch/brache-buch). Und schon heute stehen wir im Austausch mit Zwischennutzungen andernorts, beispielsweise aus Biel («Stadion Gurzelen») und Zürich («Parkplatz»). Wir könnten uns gut vorstellen, dass in Zukunft dies unsere Rolle sein könnte. Das Thema wurde aber glücklicherweise vertagt.


VWH: Die Fortsetzung der Zwischennutzung war also auch für euch eine Überraschung?

M: Ja. Dass eine weitere Ehrenrunde möglich sein könnte, wurde uns anfangs September signalisiert. Damals war aber noch nicht definiert, bis wann die Zwischennutzung hätte weiterbleiben dürfen. Für uns war aber klar: Wenn wir nicht den ganzen Sommer über bleiben können, lassen wir es lieber sein. Als sich dann herauskristallisierte, dass wir das Areal bis Mitte September 2020 zwischennutzen könnten, haben wir uns entschieden, diese Möglichkeit wahrzunehmen.

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