• Johann

Schweizer Rap im Mainstream - eine Marktanalyse

Hiphop gilt schon lange als eine der grössten Jugendkulturen in der Schweiz und dennoch ist es auch 2020 immer noch schwierig im Mainstream Erfolg zu haben und gut davon leben zu können – zumindest, wenn man unverfälschten Rap macht.

Charts als Massstab überholt

Im Streaming-Zeitalter wird die Wertung von Musikverkäufen immer undurchsichtiger und schwieriger. In einer Zeit, in der der Grossteil der Hörerschaft Musik nicht mehr kauft, sondern auf Spotify und co. lediglich streamt, fallen den Künstlern nicht nur weniger Einnahmen zugute, sondern auch die Aufmerksamkeit im Mainstream wird kleiner.

Vor einem Release stehen Künstler oft im Clinch, da ihre Fans die Musik am liebsten auf ihren gelösten Streaming-Abos hören möchten und es vielleicht nicht hören würden, wenn es darauf nicht zu finden wäre. Andererseits pusht ein Verzicht auf Streaming den digitalen Download und physischen Verkauf, was deutlich mehr Einnahmen generiert und Charterfolge realistischer macht. Diese Charterfolge vergrössern wiederum die Aufmerksamkeit im Mainstream.


Zum Verständnis: Momentan entsprechen 175 Streams einer verkauften Einheit (Stand 04.05.2020). Vor allem für Newcomer ist dies eine schwierige Situation. Künstler, die noch keine grosse Fanbase haben sind noch mehr darauf angewiesen ihre Musik im Streaming hochzuladen als etablierte Künstler, da sie dort jeder entdecken kann.


Wer seine Musik den Streamingdiensten zur Verfügung stellt, wird es also schwieriger haben gut zu charten. Dafür wird seine Musik womöglich aber mehr gehört und einfacher geteilt. In Zeiten von Social Media werden Songs von Streamingdiensten ganz einfach verbreitet. Das Streaming hat die Charts also unwichtiger gemacht, doch auch 2020 sind es noch ebendiese Charts, an denen sich viele aus dem Mainstream orientieren.


Ein Blick auf die Chartergebnisse von drei grossen Schweizer Rappern dieses Jahr zeigt diese Tendenz: Mimiks landete auf Platz 2, Psycho’n’Odds auf Platz 4 und Luuk auf Platz 19. Dies sind alles keine schlechten Ergebnisse, doch hätten diese Künstler auf Streaming verzichtet, wären womöglich alle auf Platz 1 gechartet. Dies soll nicht aufzeigen, dass die Künstler etwas falsch gemacht haben, sondern dass die Charts einfach nicht mehr so relevant sind, zumindest nicht mehr für die Künstler.


Es ist viel wichtiger geworden die Musik verfügbar zu machen, als gut zu charten. Doch leider sind es genau die Künstler, die daraus die Leidtragenden sind. Durch Streaming verdient ein Künstler kaum etwas, es sei denn er hat einen Riesenhit gelandet, der durchgehend gehört wird, doch auch dann ist der Erfolg nicht mit realen Verkäufen vergleichbar. Tommy Vercetti hat mit seinem Album «No 3 Nächt bis Morn» letztes Jahr versucht diese Entwicklung zu bremsen und verzichtete zu Beginn seines Releases auf Streaming. Er forderte seine Fans auf, das Album zu kaufen, denn nur so könne man der Ausbeutung durch die Streamingkonzerne entgegenwirken und die Kunst wirklich unterstützen. Er landete auf Platz 1 der Hitparade.

Kompromisse in der Schweiz ein Muss?

In der Schweiz ist die Hörerschaft für Rap deutlich kleiner als beispielsweise in Frankreich oder Deutschland. Dies ist auf den ersten Blick eigentlich auch kein Problem, da es auch hier Rapper gibt, die den Sprung in den Mainstream geschafft haben. Hört man sich die Musik aber etwas genauer an, stellt man schnell eine Tendenz fest: Klassischer Rap ist da nur selten dabei. Bligg, Nemo oder Lo & Leduc: Dies sind die Namen, die man findet, wenn man den Mainstream nach Rappern durchsucht, doch all die haben Rap mit anderen Musikelementen mischen müssen, um da anzukommen. Dies ist auch nichts Verwerfliches oder macht die Musik weniger authentisch, es ist aber nicht zu 100% Rap.


In Deutschland findet man im Mainstream Namen wie Sido, Shindy, Samra, Ufo361 oder die 187 Strassenbande. Seit dem Deutschrap-Boom in den 2010er Jahren ist es schon fast zur Normalität geworden, dass Deutsche Rapper Gold oder sogar Platin gehen. Bonez MC und Raf Camora gingen zwischen 2016 und 2019 regelmässig Gold und Platin. Die Single «Ohne Mein Team» hat mittlerweile sogar den Diamantstatus erreicht. Klar, auch bei diesem Sound gibt es gewisse Anpassungen, um es massentauglicher zu machen. Aber nur weil der Beat etwas tanzbarer gemacht oder die Stimme mit Effekten versehen wird, ist dies noch lange keine Entfernung von Hiphop. Natürlich orientierte sich Raf Camora auch an Dancehall. Wer sich aber die Texte von «Ohne mein Team» anschaut, wird keinerlei Kompromisse feststellen können.


Geht es in der Schweiz also nur mit Kompromissen? Die Schweiz scheint nicht ein Land zu sein, in dem Rap besonders wertgeschätzt wird. Rap bekam lange gar keine echte Beachtung von der grossen Masse und wenn dann als «Trenderscheinung». Schlagzeilen wie: «Fern von allen Klischees» oder «Ein für Hiphop untypisches Album» sind in der Schweizer Medienlandschaft leider immer noch gängig. Anstatt einfach zu schreiben, dass das Album gut oder schlecht sei, wird oft zunächst darauf hingewiesen, dass es sich um Rapmusik handelt, anstatt einfach um Musik. Es ist also kein Wunder, dass die im Mainstream erfolgreichen Rapkünstler hiphopfremde Stilmittel aufgreifen, um dieser Schubladisierung zu entgehen. Diese Faktoren machen es für Schweizer Rapper sehr schwierig auf dem höchsten Level richtig ernst genommen zu werden und dadurch im Mainstream erfolgreich zu werden.

Immer mehr wagen den Schritt ins Ausland

Ob Loredana, Pronto oder Monet192: Ihre Erfolge in Deutschland sind alles Paradebeispiele dafür was auch hier möglich wäre, wenn der Markt etwas offener wäre. Klar, die Möglichkeiten mit Musik in die finanzielle Unabhängigkeit zu kommen ist bei unseren Nachbarn auch viel grösser als hier und auch klar, dass Loredana nicht die Art von Rap macht, um den es in diesem Artikel geht. Dennoch zeigt es auf, dass ihre Musik wohl eher in Deutschland Anklang findet als hier, ansonsten würde man so einen riskanten Schritt nicht wagen. Die Erfolge von Loredana sind gigantisch und bekommen hierzulande kaum die Wertschätzung, die sie verdienen. Es ist traurig, schafft es die Schweizer Musikindustrie nicht, solche Künstler auch hier zu pushen und ihnen eine Perspektive zu bieten. Auch die Superwak Clique weist grosse Erfolge in Frankreich oder Belgien auf, die ihnen mehr Perspektiven bieten als hier.


Doch was kann man dagegen tun? Als Künstler eigentlich nicht viel, ausser weiter das zu machen, was man fühlt. Die Veränderung muss im Markt passieren. Konsumenten müssen authentische und vor allem kompromisslose Musik endlich richtig wertschätzen und sie kaufen, wenn sie sie unterstützen wollen. Nur so haben die Künstler die Mittel, um weiterhin Musik und vor allem qualitativere Produktionen machen zu können. Zudem muss ein Umdenken in der Berichterstattung der Massenmedien stattfinden. Es kann nicht sein, dass Rap immer noch als Nischenprodukt angeschaut oder nicht richtig ernst genommen wird. Dafür ist es 2020 einfach zu spät. Zu guter Letzt sollten die Radios und Bookers mehr an Schweizer Rap glauben und ihnen eine Bühne bieten, denn nur so können neue Leute erreicht werden.

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Vandals Vibes Vol. 13

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