Talk mit MzumO: Zwischen Zürich und Tel Aviv


Vor wenigen Wochen veröffentlichte MzumO sein drittes Album «Balagan». Darauf rappt er über politische und gesellschaftliche Themen, findet aber auch Platz für Persönliches. Das Werk entstand zwischen Israel, wo MzumO bis Dezember arbeitete, und Zürich. Wir haben den Rapper auf ein Gespräch getroffen.


VWH: Wir haben ein sehr besonderes Jahr hinter uns. Wie hat die Covid-Pandemie auch deine Musik beeinflusst?


MzumO: Ohne Pandemie hätte ich 2020 wohl kein Album veröffentlicht – zumindest nicht im Umfang von 13 Songs. Als ich Ende Januar nach Tel Aviv ging, hatte ich bloss einige 16er im Gepäck, aber noch keine ganzen Songs. Ich spielte zwar mit dem Gedanken ein neues Projekt aufzugleisen, allerdings dachte ich damals eher an eine EP oder eine Reihe von Singles mit Videos. Schliesslich war ich in Tel Aviv, um auf der Schweizer Botschaft zu arbeiten. Dies liess mir zu Beginn nicht viel Freizeit, da fast jeden Abend irgendwelche Anlässe stattfanden.


Als dann der erste Lockdown begann, fand ich mich jedoch plötzlich tagelang in meinem kleinen Zimmer in einer grossen WG im Süden Tel Avivs wieder. Mir wurde klar, dass der Lockdown für meine Musik zum Glück im Unglück werden könnte, denn nun hatte ich endlich Zeit, um zu schreiben. Zwischen März und Juni sprudelte es dann nur so aus mir heraus und ich schrieb über 10 Songs. Bereits früh entschied ich das Album «Balagan» zu nennen, was sich aus dem Hebräischen sinngemäss als Chaos übersetzen lässt. Balagan ist jedoch Chaos, aus dem auch gute Dinge entstehen können, die in einer starren Ordnung nicht entstanden wären. Irgendwie fand ich das für meine Situation in diesem struben Jahr zutreffend.


Im Sommer kam ich dann für eineinhalb Monate in die Schweiz, wo ich nach abgesessener Einreise-Quarantäne fünf Wochen Zeit hatte, um Balagan zusammen mit meiner Crew RAZ aufzunehmen und vier Videos zu drehen. In dieser Zeit entstanden nochmals drei Tracks. Diese fünf Wochen waren sehr intensiv, aber auch sehr cool, da ich mich voll und ganz der Musik widmen konnte. Das Mixen und Mastern sowie das Album-Rollout fanden dann ohnehin aus der Ferne statt, da ich von September bis Dezember nochmals in Tel Aviv war. Insgesamt gab mir die Krise also den Anstoss das Albumprojekt seriös zu verfolgen.

VWH: Die Texte deines neuen Albums («Balagan») decken ein grosses Spektrum ab: Liebe, Politik, das Leben in der Schweiz usw. Woher holst du die Inspiration dafür?


MzumO: Nun, die Inspiration für die Liebe hole ich mir sicherlich durch eigene Erfahrungen. Vor Tel Aviv war ich zwei Jahre in Genf und erlebte dort einiges, das es in Songs zu verarbeiten gab. Ich denke, dass dieser Aspekt meines Schreibens mittlerweile reifer geworden ist, als noch auf meinem ersten Release 2017 («Bösi Miene zum Guete Spiel»).


Was die Politik angeht, war bereits mein letztjähriges Album «Madrugada» eine Verarbeitung vieler Eindrücke aus meiner Zeit in Lima und der Unterschiede zwischen der dortigen Realität und derjenigen in der Schweiz. Ich beschäftige mich seit einiger Zeit mit der Politik in verschiedenen Regionen. Somit fliesst Politik fast schon automatisch in meine Fragen, Gedanken und Wortspiele ein. In diesem Jahr erlebte ich jedoch eine Verstärkung – um nicht zu sagen Radikalisierung – meiner politischen Haltung. Nicht zuletzt, da ein guter Freund von mir in Richtung einer Verschwörungsideologie abdriftete. Zudem führten mir die Black Lives Matter Proteste und die Reaktionen darauf in einem mir bisher unbekannten Masse vor Augen, wie grassierend und tief verankert rassistische und sexistische Denkweisen immer noch sind. Deshalb sind die Texte auf Balagan expliziter und es werden Namen genannt. Ich war es Leid, weiter aufs Maul zu hocken, während der Chauvinismus und dessen Exponenten weiter erstarken.


VWH: Auch auf dem neuen Album merkt der Hörer, dass du einen sehr grossen Fokus auf die Texte setzt. Da du auf Schweizerdeutsch rappst, versteht aber nur eine relativ begrenzte Anzahl Menschen, was du sagst. Würdest du manchmal lieber Rap in einer anderen Sprache machen?


MzumO: Jein – einerseits nervt es mich schon ein bisschen, dass viele meiner nicht-Deutschschweizer Freunde die Texte nicht verstehen. Darum habe ich mittlerweile auch jedes meiner Videos auf Youtube mit englischen Untertiteln versehen. Auf Englisch rappen würde ich aber nicht, schlicht weil Schweizerdeutsch die Sprache ist, bei der ich den Slang und die Referenzen am besten kenne und bei der ich das «R» am schönsten rollen kann. Das heisst nicht, dass ich nie einen englischsprachigen Track machen würde. Dieser müsste dann aber eher melodie- und nicht textlastig sein. Andererseits hat es auch etwas Cooles, dass nicht so viele Leute meine Texte und den Slang richtig verstehen. Das macht es dann umso schöner, wenn man Rückmeldungen auf eine spezifische Line oder gar ein bestimmtes Wort erhält.


VWH: Dein Sound ist sicher nicht altbacken, orientiert sich aber definitiv auch nicht an die neusten Trends. Wie pickst du deine Beats?


MzumO: Gute Frage. Zwischen mir und der Melodie muss es innert 10 Sekunden klicken, sonst höre ich mir den Rest meistens gar nicht an. Fast noch wichtiger ist aber, dass die Drums sitzen. Denn ohne gute Drums bringt dir auch das beste Sample wenig. Meistens habe ich dann auch schnell eine Idee, wie ich in den Beat reinkommen will und wie einige Lines oder die Hook aussehen sollen. Klar lasse ich mich unterbewusst inspirieren von den Rappern, die ich selber höre; aber beim Beat picken spielt das eher eine untergeordnete Rolle. Ich höre auch viel Indie-Rock (z.B. The National) oder lateinamerikanische Musik und spielte früher mal in einer Punkrock-Band. Ich denke, über die Jahre hat sich da ein gewisses Gespür entwickelt, dank dem ich schnell weiss, ob der Beat etwas für mich ist oder nicht.


VWH: Dennoch fällt auch auf, dass für Mumblerap und Trapflows auf dem Album wenig Platz ist. Absicht oder einfach die Folge deines Musikgeschmacks?


MzumO: Eine bewusste Entscheidung war es sicher nicht, eher Ausdruck davon, was ich mit meiner Musik aussagen will. Klar, ich hör schon lieber ganze Alben von Vercetti oder CBN als Future oder Pronto, aber es gibt auch Songs von Mumble-Rappern, die ich tagelang auf Repeat habe. Ich finde aber, dass sich bei gutem Mumble-Rap, Vocals, Melodie und Beat gegenseitig ergänzen müssen. Den dazu nötigen engen Austausch mit einem Producer hatte ich bisher nicht. Vielleicht ändert sich das in Zukunft ja. Ich sehe mich aber schon eher als Lyriker und mein Handwerk ist das Texten. Ich zweifle auch daran, dass sich in einer eher melodielastigen Trapnummer vollumfänglich ausdrücken liesse, was ich sagen möchte.


VWH: Auf «Balagan» sind verschiedene Disses gegen andere Rapper aus der Schweiz zu finden. Wie stehst du allgemein zur Rapszene aus der Schweiz?


MzumO: Ich halte eigentlich ziemlich viel von Schweizer Rap. Die Szene ist zwar überschaubar, aber dafür, dass die allerwenigsten von der Musik leben können, sehr engagiert und vielfältig. Stimmt, ich kritisiere auf Balagan einige Dinge, die mich an CH-Rap stören, habe aber gleichzeitig viele Shoutouts an Schweizer Künstler und Künstlerinnen auf dem Album. Ich finde CH-Rap könnte noch mehr politische Haltung beziehen - vor allem von Seiten der Szenehäuptlinge. Aber auch in dieser Hinsicht gibt es Lichtblicke, wie etwa die Chaostruppe, Greis, Tommy Vercetti oder Luuk. Als Subkultur, die sich als Gegenstrom zum gesellschaftlichen Mainstream versteht, könnte Schweizer Rap aber noch viel klarere Statements machen, wie dies etwa Milli54 mit seinem Anti-Glarner Song tat. Man sollte weniger Angst davor haben anzuecken und jemandem ans Bein zu pinkeln. Wenn man jedoch sieht welche Mundart-Rapper von der Musik leben können, kann ich schon verstehen, dass man als aufstrebender Künstler oder Künstlerin die falschen Anreize erhält.


VWH: Wie unterscheidet sich die Musikszene in der Schweiz von jener in Israel?


MzumO: Schwierig zu beantworten, da ich hauptsächlich während der Corona-Krise in Israel war. Grundsätzlich würde ich sagen, dass der israelische Musikmarkt mit 6-7 Millionen Hörerinnen etwa eineinhalb so gross ist wie jener in der Deutschschweiz. In Tel Aviv gibt es eine pulsierende Musikszene, aus der zum Beispiel Künstlerinnen wie Noga Erez oder Künstler Omer Adam hervorkamen. Es gibt jedoch auch in Israel wenige professionelle Künstler und Künstlerinnen. Die allermeisten machen Musik als Hobby, was also ähnlich zur Schweiz ist. Meiner Erfahrung nach ist die Rapszene dort kleiner als in der Schweiz.


VWH: Inwiefern wird deine Musik von deinen Aufenthalten ausserhalb der Schweiz beeinflusst? Denkst du, dass du dadurch einen anderen Blick auf die Musik erhältst?


MzumO: Auf jeden Fall. Besonders mein letztes Album Madrugada war bezüglich Soundbild und Lyrics stark von meiner Zeit in Lima inspiriert, was sich etwa in Form von Reggaeton-Beats äusserte. Balagan ist vor allem konzeptuell und sprachlich von meinem Aufenthalt in Tel Aviv geprägt. So gibt es mit «Masada» etwa einen ganzen Song, der nur die israelisch/palästinensische Politik thematisiert. Inwiefern die Musik anders geworden wäre, wenn ich in Zürich geblieben wäre, lässt sich schwierig sagen. Sicher ist aber, dass dann nicht so viele Wortspiele auf verschiedene Sprachen entstanden wären. Jeder Auslandsaufenthalt bietet mir die Möglichkeit meine Musik und meinen Wortschatz weiterzuentwickeln.


VWH: Du thematisierst die Privilegien, die du als weisser Mann hast. Wie gehst du als Musiker damit um?


MzumO: Den endgültigen Umgang damit gefunden habe ich sicher nicht. Ich denke, dass das kaum möglich ist, denn das würde ja implizieren, dass man die Widersprüche überwunden hat. Ich versuche mir selber gegenüber stets kritisch zu sein und meine Blindspots zu finden. Gewisse Widersprüche lassen sich nun mal nicht loswerden – wie etwa das mit dem Rap als nicht-weisse Kultur, die ich mir als weisser Mann zunutze mache, um meine Privilegien anzusprechen. Ich denke aber schon, dass ich mithelfen kann die Strukturen, die mir ebendiese Privilegien überhaupt ermöglichen, zu dekonstruieren und zu kritisieren. Zudem finde ich, dass jede Kultur – also auch Rap – fluide ist und sich stets im Wandel befindet. Wenn jetzt in der Schweiz irgendwelche – meist weissen (Stichwort White Appropriation) – Männer zwischen 40 und 50 aus einer Golden-Era-Nostalgie heraus die Deutungshoheit für Rap im Jahre 2020 alleine für sich beanspruchen wollen, dann muss ich bezweifeln ob das die Kultur voranbringt.


VWH: Noch eine Frage zum Schluss: Wie sehen deine Pläne für die nähere Zukunft aus?


MzumO: Falls es Covid zulässt, werde ich im nächsten Frühling/Sommer sicher einige Konzerte spielen. Eigentlich hatten wir für den Januar eine Plattentaufe im Werk21 in Zürich geplant, welche nun im nächsten Juni stattfinden soll. Dazu kommen sicher noch einige kleinere Konzerte und hoffentlich ein paar Festivalauftritte. Bis dann werde ich im Januar bei zwei Radioshows als Gast live dabei sein: bei der Hip-Hop Sendung «Gschächnütschlimmers» vom Radio Bern RaBe (Fr. 08.01, 20:00) und bei Artcore auf Jam On Radio (Fr. 22.01, 20:00).


Das neuste Album von MzumO findest du hier und hier gibt es die Videos zu den Songs.